Wissenspool-Beitrag

Digitalisierung, Digitale Transformation und Digitaler Wandel – eine Begriffsklärung

12.11.2021
Lesezeit: ca. 12 min

Digitale Transformation und digitaler Wandel

Der digitale Wandel beziehungsweise – häufig synonym verwendet – die digitale Transformation, deren Beginn ungefähr um die Jahrtausendwende verortet wird, beschreibt die fortschreitende Verwendung von digitalen Technologien und Techniken und deren Folgen. Diese verursachen weitere grundlegende Veränderungsprozesse, die wiederum weitreichende und allumfassende Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten und insofern auf ein breites Spektrum vom Menschen bis hin zu Unternehmen wirken, wobei immer die Integration digitaler Technologien im Vordergrund steht (vgl. u. a. Schallmo 2016: 5; Schellinger 2019: 2).

Digitalisierung als Treiber der digitalen Transformation

Basis und Treiber der digitalen Transformation sind sich immerzu weiterentwickelnde innovative, digitale Informations- und Kommunikationstechnologien und damit einhergehend jener Prozess, der als Digitalisierung bezeichnet wird (vgl. Hess 2019: 5f.). Unter Digitalisierung werden sowohl Prozesse der fortschreitenden Automatisierung und Robotisierung verstanden als auch die Vernetzung von Menschen, Maschinen und Ressourcen (vgl. Neugebauer 2018: 2; Pflaum/Schulz 2019: 3ff.). Oder – noch ein wenig technischer ausgedrückt – beschreibt Digitalisierung, “wenn [die] analoge Leistungserbringung durch Leistungserbringung in einem digitalen, computerhandhabbaren Modell ganz oder teilweise ersetzt wird“ (Wolf & Strohschen 2018: 58).Aus der Digitalisierung ergeben sich zwei wesentliche Aspekte, die als Hauptursachen des Treibers zur digitalen Transformation, gesehen werden können: zum einen die Vernetzung aller Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft, zum anderen die Fähigkeit zur Sammlung und Analyse (relevanter) Informationen, um diese dann in Handlungen umzusetzen (vgl. Schallmo/Rusnjak 2017: 3).Insbesondere Letzteres – die Sammlung von Daten und eine sich daran anschließende Analyse relevanter Informationen – erhält zusätzliche Relevanz, denn mit der stetig voranschreitenden Digitalisierung nimmt auch die Menge an Daten zu. Nicht selten wird sogar von einem exponentiellen Anstieg der Datenmengen gesprochen (Acharjya/Kauser 2016: 512). Ebenso wächst nunmehr das Interesse, jene Daten als Ressource einzusetzen, d. h. Daten aus ihren Quellen zu extrahieren, zu analysieren und schlussendlich in entscheidungsorientiertes Wissen zu überführen (vgl. Otte et al. 2020: 2).

(Wirtschaftliche) Auswirkungen und Zielstellungen im Kontext der digitalen Transformation

Übertragen auf die Wirtschaft beziehungsweise Unternehmen adressieren die Transformationsprozesse um die und aus der Digitalisierung:

  • die Vernetzung von Akteuren wie beispielsweise von Unternehmen und Kund*innen

  • den Einsatz neuer Technologien zur Steigerung der Leistung,

  • die Analyse sowie den Austausch von Daten beziehungsweise Informationen

  • und die Adaption des Geschäftsmodells, insbesondere der Unternehmensprozesse, Beziehungen zu relevanten Akteuren des Unternehmens (Kund*innen oder Geschäftspartner*innen) und der angebotenen Produkte oder Dienstleistungen.

Daraus ergibt sich sogleich auch die Beschreibung der Anforderungen, vor die ein Unternehmen in Hinblick auf die digitale Transformation gestellt ist. Auf Trends wie die zunehmende Nachfrage nach Produktindividualisierung und kürzere Produktlebenszyklen gilt es zu reagieren, wobei sich sogleich neue Herausforderungen stellen, wie die Automatisierung von Prozessen oder eine Optimierung des Versands der Produkte (vgl. Harwardt 2020: 19f.). Zugleich bilden technologische Entwicklungen wie Cloud-Computing, Machine-to- Machine-Kommunikation, additive Fertigung und Big Data das Rüstzeug für verbesserte Wertschöpfungsketten, die mittels umfassender Datenintegration eine intelligente Steuerung der innerbetrieblichen Wertschöpfungsprozesse möglich machen (Pflaum/Schulz 2019: 5f.; Otte 2020: 3ff.).

Die Anwendung und Integration von Technologien im Unternehmen ist jedoch nicht allein Selbstzweck, sondern adressiert Zielstellungen, die sowohl für die Unternehmen selbst von Interesse sind als auch solche Ziele, die insgesamt gesellschaftliche Wirkungen erzielt. Organisationsbezogene Zielstellung sind zum einen die Steigerung der Produktivität und Effektivität in den innerbetrieblichen Prozessen und Abläufen, zum anderen die Verbesserung technischer Standards. Darüber hinaus kann eine Implementierung neuer Geschäftsmodelle  angestrebt werden. Auf gesellschaftlicher Ebene sind bei der digitalen Transformation Datenschutz und Datensicherheit zu beachten, die mit immer weiter fortschreitender Digitalisierung auch zunehmend relevanter werden. Die Herausbildung und Förderung einer innovativen Unternehmenskultur sowie eine Veränderung des (auch innerbetrieblichen Weiter-) Bildungssystems, um bestehende und zukünftige Mitarbeiter auf die Nutzung digitaler Technologien vorzubereiten ist Folge und Chance einer gelingenden digitalen Transformation auf organisationaler und gesellschaftlicher Ebene gleichermaßen (vgl. Harwardt 2020: 19f.).

Aus der Dynamik der digitalen Transformation und den sich anschließenden Reaktionen der Unternehmen und ihrer Führungskräfte ergibt sich eine Spirale zu einer immer schnelleren und häufigeren Entwicklung von Innovationen und innerbetrieblichen Anpassungen in immer kürzeren Zeitabständen, die wiederum zu einer weiteren Verschärfung der Wettbewerbssituation führt. Zugleich initiierte die digitale Transformation einen weitreichenden Wandel innerhalb der Unternehmenskultur mit hohen Erwartungen: eine Flexibilisierung des Arbeitsplatzes, eine Mobilisierung des Arbeitsortes sowie eine damit einhergehende erhöhte Verantwortungs- und Risikobereitschaft der einzelnen Mitarbeiter*innen durch die Verschiebung von einer anwesenheitsorientierten hin zu einer ergebnisorientierten Arbeitskultur.

Die disruptiven Veränderungsprozesse der digitalen Transformation erfordern daher Handlungsbedarfe der Unternehmen: Zum einen müssen Prozesse und Strukturen der Wertschöpfungskette mittels moderner Technologie überarbeitet und optimiert werden, zum anderen muss das gesamte Geschäftsmodell reflektiert und überdacht werden. So verlagert sich der Wettbewerb zwischen (international agierenden) Unternehmen immer mehr weg von der Produkt- und Prozessebene, auf die Geschäftsmodellebene. Zudem wird der Einsatz und die wertschöpfende Nutzung von Daten (ebenfalls bestenfalls geschäftsmodellübergreifend) zur weiteren Kernkompetenz für Unternehmen, um zukünftig weiter wettbewerbsfähig zu bleiben (vgl. Kiron/Shockley 2011). Insbesondere unter Beachtung dessen, dass zukünftig weitere Technologiesprünge zu erwarten sind und diese voraussichtlich in immer kürzeren Zeitabständen erfolgen und insofern der Innovationsdruck auf die Unternehmen und ihr Leitungspersonal eher zunehmen als abnehmen wird (vgl. Matzler et al. 2016: 13ff.).

Die digitale Transformation beschreibt einen ganzheitlichen Wandel, der

  • alle Veränderungsprozesse hervorgerufen durch die technologischen Entwicklungen insbesondere der Digitalisierung umschließt,  

  • in der Folge Anforderungen an gesellschaftliche Akteure stellt

  • und sich auf alle Bereiche der Wirtschaft auswirkt.

Literaturübersicht

Referenzen

Acharjya, D. P.; Kauser, A. P. (2016): A Survey on Big Data Analytics: Challenges, Open Research Issues and Tools. International Journal of Advanced Computer Science and Applications 7 (2), S. 511-518.

Harwardt, M. (2020): Digitalisierung in Deutschland – Der aktuelle Stand. In: Harwardt, M.; Schmutte, A. M.; Steuernagel, A. (Hrsg.). Führen und Managen der digitalen Transformation. Springer Fachmedien, Wiesbaden.  

Kiron, D.; Shockley, D. (2011): Creating Business Value with Analytics. In: MIT Sloan Management Review 53(4), S. 57-62.

Matzler, K.; Bailom, F.; von den Eichen, S. F. (2016): Digital Disruption: Wie Sie Ihr Unternehmen auf das digitale Zeitalter vorbereiten.

VahlenNeugebauer, Reimund (2017): Digitalisierung: Schlüsseltechnologien für Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin, Heidelberg: Springer Vieweg.

Otte, R.; Wippermann, B.; Schade, S.; Otte, V. (2020): Von Big Mining bis Big Data: Handbuch für die industrielle Praxis, Carl Hanser Verlag.

Schallmo, D. (2016). Jetzt digital transformieren – So gelingt die erfolgreiche Digitale Transformation Ihres Geschäftsmodells, Springer Gabler, Wiesbaden.

Schallmo, D.; Rusnjak, A.; Anzengruber, J.; Werani, T.; Jünger, M. (2017). Digitale Transformation von Geschäftsmodellen: Grundlagen, Instrumente und Best Practices (Schwerpunkt Business Model Innovation). Springer Gabler, Wiesbaden. 

Schellinger, J. (2019): Digitale Transformation und Unternehmensführung: Trends und Perspektiven für die Praxis, Heidelberg: Springer Verlag.

Pflaum, A.; Schulz, E. (2019): Auf dem Weg zum digitalen Geschäftsmodell: „Tour de Force“ von der Vision des digitalisierten Unternehmens zum disruptiven Potenzial digitaler Plattformen. In: Meinhardt, S.; Pflaum, A. (Hg.), Digitale Geschäftsmodelle – Band 1. Springer Verlag.

Wolf, T.; Strohschen, J.-H. (2018): Digitalisierung: Definition und Reife. In: Informatik Spektrum 40 (1), S. 56-64.